Betrifft: Bücher von W. Gedeon

 

Zur „Werkbesprechung“ von Stefan Scheil (zugesandt Sept. 2016)

 

von Wolfgang Gedeon (4.10. / 2.11. 2016)

 

Zur Frage von Antisemitismus und Zionismus in meinen Büchern gibt es inzwischen einige Kritiken und Gutachten. Mit Stefan Scheil meldet sich ein AfD-Mitglied aus Rheinland-Pfalz, das dort zeitweise als Kreissprecher und zudem laut Wikipedia immer wieder tätig für Zeitschriften wie Junge Freiheit und Sezession war. Scheil hat laut Wikipedia Geschichte studiert und in den 1980er Jahren an einer deutschen Universität über Antisemitismus im wilhelminischen Kaiserreich promoviert. In wieweit dies eine Qualifizierung für die Behandlung dieses Themas darstellt, sei dahingestellt. Auf jeden Fall verrät es ein hohes Maß an Zeitgeist- und Systemadaptation, wenn man in unserer Zeit an einer deutschen Universität erfolgreich über Antisemitismus promoviert. Die Kritik Scheils an meinen Büchern, auf die ich jetzt eingehen will, bestätigt diesen Anfangsverdacht voll und ganz.

 

Zahlreiche „Antisemitismusforscher“ bemühen sich derzeit, den konventionellen Antisemitismus-Begriff zu erweitern und den Begriff „sekundärer Antisemitismus“ einzuführen. Damit könnte man dann jede Kritik erfassen, durch die sich irgendein Mitglied der jüdischen Communitiy in irgendeiner Weise beleidigt fühlt. Vorreiter dieser Kampagne sind neben W. Benz und Akteuren des Berliner TU-Lehrstuhls für Antisemitismus-Forschung vor allem H. Broder und die Betreiber der Netzseite haGalil. Inzwischen gibt es hier gewichtige Gegenstimmen, z. B. die des Leipziger Ethnologe Prof. B. Streck, auf dessen für die AfD-Fraktion in Stuttgart erstelltes Gutachten ich hier noch einmal verweise. Explizit betrachtet er nicht nur den Antisemitismus-Vorwurf gegen mich in sensu stricto als „unhaltbar“, sondern – im Gegensatz zu den genannten zionistischen Lobbyisten – auch die Ausweitung des üblichen Antisemitismus-Begriffs auf sog. sekundäre  Formen etc. als nicht wissenschaftlich, sondern „ideologisch“ begründet.

 

Mit wenigen Ausnahmen – z. B. Marc Jongen, auf dessen erbärmliches Pamphlet ich in einem eigenen Artikel eingegangen bin – begnügen sich die Kritiker meiner Bücher mit dem Vorwurf eines sekundären Antisemitismus. Sie betonen, wie z. B. der Dresdener Politologe W. Patzelt, ausdrücklich, dass ich im konventionellen Sinn nicht antisemitisch sei. Das AfD-Mitglied Scheil freilich versucht es Jongen gleich zu tun. Nach gründlicher Durchsuchung meines Werkes glaubt er belegen zu können, meine Kritik am Judentum generalisiere und stelle Antisemitismus in „jeder je gegebenen Definition“ dar. Die ihn tragende Denkfigur ist simpel: Ich würde den Talmud, den historischen Katechismus des nachchristlichen Judentums, durch und durch negativ beurteilen und ihn gleichzeitig  als über Jahrhunderte das Judentum geistig prägend darstellen. Damit würde ich die Judenheit als Ganzes abqualifizieren.

 

Nun halte ich mit Nachdruck an meinem negativen Urteil über den Talmud fest, und viele unvoreingenommene Leser werden mir bei näherer Kenntnis dieses Buches zustimmen. Dass sich freilich mit der europäischen Aufklärung im Allgemeinen und der jüdischen im Besonderen der Einfluss des Talmud im Judentum stark relativiert hat; dass zahlreiche Juden überhaupt nicht mehr religiös, sondern säkular und zahlreiche sogar vollständig in ihren jeweiligen Heimatländern assimiliert sind, geht deutlich aus allen meinen Schriften hervor. Nach Scheil dagegen habe sich hier der Geist des Talmud „lediglich von seiner ‚Religionspraxis‘ verabschiedet“. In diesem Sinn könnte man auch argumentieren, dass sich mit der Idee der Menschenrechte das Christentum „lediglich von seiner ‚Religionspraxis‘ verabschiedet“ habe und dann eine zwischen Menschenrechten und Christentum differenzierende Kritik von vornherein verwerfen. Tatsächlich zeugt die Methode, den Religionsfaktor in der Argumentation als einen „lediglich“-Faktor abzutun, davon, dass Scheil in der Gesamtdiskussion etwas Wesentliches nicht verstanden hat.

 

So schwadroniert er weiter und unterstellt mir, ich würde den Talmud auch für die Weltmachtpolitik der USA verantwortlich machen: Das sei ebenfalls „eine scharfe Abqualifizierung aller Juden“. Auch diese Darstellung ist falsch, denn ich spreche nicht von talmudischer, sondern von zionistischer Prägung der US-Politik, und auch Zionismus und Talmud haben miteinander nicht mehr gemeinsam als beispielsweise eine nationalistische Ideologie mit der christlichen Religion. Scheil kümmert sich aber nicht um Abstufungen und Differenzierungen, wie sie bei diesem komplexen Thema unabdingbar sind, sondern vereinfacht in primitiver Weise und hält obsessiv an seinem Vorwurf fest, meine Kritik an verschiedenen Phänomenen des Judentums sei eine generalisierende Verurteilung desselben. Den Mangel an rationaler Stringenz versucht er durch ständige Wiederholung – fünfmal auf sechs Seiten! – zu ersetzen:

 

  •  „negatives Urteil über die Judenheit als Ganzes“ (Seite 2)

  • „scharfe Abqualifizierung aller Juden“ (Seite 2)

  • „die heutigen Juden nach Gedeons Auffassung praktisch sämtlich weiterhin in einem rassistisch-religiösen Auserwähltheitswahn befangen“ (Seite 4)

  • Gedeon „attestiert der übergroßen Mehrheit der heute lebenden Juden mehrfach eine Haltung im Sinn des talmudischen Judentums“ (Seite 5)

  • Generalverdacht gegen diesen Personenkreis“ (Seite 5)

 

Keine der kursiv gesetzten Stellen findet sich irgendwo in meinen Schriften. Sie stellen ein zusammenphantasiertes Konstrukt des eifernden „Antisemitismus-Suchers“ Stefan Scheil dar. Allenfalls 10 % der heute lebenden Juden können als wirklich Talmud-gesteuert betrachtet werden. Was den Zionismus anlangt, so ist die Mehrheit der heute lebenden Juden mutmaßlich nicht zionistisch und die Mehrheit der heute lebenden Zionisten mutmaßlich nicht jüdisch. Gerade unter Deutschen und ihren Politikern finden wir ein Heer von Zionisten, die abstammungsmäßig nichts mit dem Judentum zu tun haben, die aber wirkungsvoll belegen, dass Zionismus primär kein jüdisches Problem im ethnokulturellen Sinn ist, sondern ein allgemein ideologisches. Dies erläutere ich ausführlich in meinen Büchern.

 

Scheils Kritik an meiner Talmud-Beurteilung

 

Den Talmud kritisiere ich nicht nur in Einzelpunkten, sondern grundsätzlich, z. B. dessen Auserwähltheitskult, der zahlreiche Beiträge durchzieht; das propagierte Ziel einer jüdischen Weltherrschaft, in der alle anderen zu Sklaven der Juden würden; verschiedene  Vernichtungsaufrufe gegen Nichtjuden (z.B. von M. Maimonides; laut I. Shahak fänden sich solche in hebräischen Ausgaben, in nichthebräischen seien sie wegredigiert); schließlich den ausgesprochen antichristlichen Charakter des Talmud, der zur Indizierung durch verschiedene Päpste geführt hat.

 

Scheil wirft mir vor, Talmud-Zitate in der Übersetzung des katholischen Theologie-Professors A. Rohling zu verwenden, obwohl dessen Behauptungen in „Veröffentlichungen“ und „Prozessen“ „damals einer scharfen Kritik unterzogen“ worden seien. Dann listet er verschiedene von mir vorgetragene Vorwürfe auf, ohne konkret darauf einzugehen, inwiefern die zitierten Passagen falsch übersetzt oder interpretiert seien. Er belässt es bei reiner Entrüstungsrhetorik nach dem Motto: Man stelle sich vor, Gedeon unterstellt den Talmudisten, sie hätten einen Auserwähltheitswahn, sie wollten die Angehörigen anderer Religionen zu Sklaven machen usw.

 

Nehmen wir einmal das Zitat im Hinblick auf die Versklavung anderer Religionsangehöriger! Da steht nun mal im Traktat Erubin (Abschnitt IV in der Gemara): „… Elijahu kommt dann nicht, der Messias aber wohl, denn wenn der Messias kommt, sind alle Sklaven der Israeliten.“ In der Übersetzung des babylonischen Talmuds durch Lazarus Goldschmidt, Ausgabe FFM 1996, steht das in Band II auf S. 130. Bei wichtigen Stellen habe ich immer mehrfach recherchiert, wo das Zitat zu finden ist und ob es authentisch ist.

 

Anstatt nun die Authentizität eines solchen Zitats konkret in Frage zu stellen oder mitzuteilen, wie er, Scheil, diesen Satz interpretiere, wirft er mir pauschal „fehlendes Hintergrundwissen“ vor und versucht Rohling als Übersetzer generell zu diffamieren – inhaltsleere Entrüstungsrhetorik und diffuses Kompetenzgehabe statt individuellen Eingehens auf Kritikpunkte!

 

Wie schon gesagt: Scheils Logik – wenn man hier überhaupt von „Logik“ sprechen kann – ist grobschlächtig und primitiv: Wer den Talmud grundsätzlich kritisiere, qualifiziere alle Juden ab, und wer zionistische Cliquen und ihre geopolitischen Machenschaften an den Pranger stelle, beleidige die Gesamtheit der Juden – ein Plädoyer für die Totalisierung resp. Totalitarisierung des Antisemitismus-Vorwurfs!

 

Die AfD am Scheideweg

 

Zuletzt wird Scheil unappetitlich: Er verdreht meine Kritik an Coudenhove-Kalergis Theorie von den Juden als „neuer Adelsrasse“ wie auch meine Zurückweisung der Ethnisierung der Judenfrage durch den jüdisch-amerikanischen Historiker Yuri Slezkine ins pure Gegenteil und wirft mir vor, mich hier einem biologisch-rassistischem Antisemitismus anzunähern. Er entblödet sich nicht einmal, in den Raum zu stellen, meine Denkweise könnte hier  „in Ausrottungsphantasien kippen“. Mit der Berufung auf Slezkines These, Juden hätten einen hohen Anteil am sowjetkommunistischen Herrschaftssystem gehabt, würde ich darüber hinaus „eine klassische antisemitische Denkfigur“ bedienen. Meine Einschätzung, es habe in der Sowjetunion Juden gegeben, die primär Kommunisten waren und sich von ihrer jüdischen Herkunft scharf distanzierten , wie z. B. Trotzki, und andererseits Juden, von Lenin als „Kleinstadtjuden“ bezeichnet, die nur vordergründig Kommunisten waren, in ihrem Denken und Fühlen aber Juden geblieben sind, verfälscht Scheil vollständig und unterstellt, ich würde behaupten, Juden würden immer Juden bleiben, auch wenn sie ihrer Religion abschwören – das Gegenteil von dem, was ich geschrieben habe!

 

Um den intellektuellen Schwindel, den er da betreibt,  zu rechtfertigen, fabuliert Scheil, es könnte  ja sein, dass ich alles, was ich geschrieben, nicht so richtig durchdacht hätte und mir selbst gar nicht bewusst wäre, ein Antisemit zu sein. – Aber Gott sei Dank gibt es so großartige Antisemitismus-Finder, die die Menschen quasi psychoanalytisch durchschauen und sie ihres tatsächlichen Antisemitismus‘ überführen. Ein paar Jahrhunderte früher, und der Mann hätte einen glänzenden Inquisitor abgegeben – oder ein paar Jahre früher, und er hätte sich als großer „Entlarver“ zum Beispiel in den Moskauer Schauprozessen hervortun können. In der AfD sollten wir heute freilich einem solchen Entlarvungszirkus nicht huldigen, sondern erst einmal davon ausgehen, dass die Menschen das, was sie sagen, auch meinen.

 

In gleicher Weise sollte man auch festhalten, dass jeder Mensch, ob Jude oder nicht, bewusst und individuell entscheiden kann, ob und wieviel er sich vom Talmud, vom Zionismus oder irgendeiner anderen Ideologie beeinflussen lässt. Letztlich ist es also Scheil, der den Juden in ihrer Gesamtheit vorwirft, sich von Talmud oder Zionismus oder beidem generell und unkritisch beeinflussen und prägen zu lassen. Sein Resümee – nicht bezweifeln lasse sich, dass Gedeons „Ausführungen keine intellektuelle Basis für irgendeine Politik bilden können“ – zeugt nicht von analytischer Tiefe, sondern von peinlicher Selbstüberschätzung.

 

Warum muss man auf solche zionistischen Kritiken überhaupt eingehen? Weil die AfD am Scheideweg steht: Schlägt sie einen Kurs ein wie Wilders in Holland oder Strache in Österreich, die beide ihre Politik an israelischen Interessen ausrichten und dabei in Kauf nehmen, dass mit einem ideologisierte Anti-Antisemitismus die Gesellschaft eingeschüchtert und deren Meinungsfreiheit an der kurzen Leine gehalten wird? Will auch die AfD, wie hier ihr Mitglied Scheil, eine kritische Reflexion des Antisemitismus-Vorwurfs verhindern und damit dessen begriffliche Ausweitung zum sog. sekundären Antisemitismus vorantreiben? Oder entscheidet sich die Partei für eine Politik, die mit ausreichender Sensibilität Juden und Israel nicht diskriminiert, sich aber dafür einsetzt, dass die Zeit für Sonderbeziehungen zu ihnen – seien sie „historisch“, religiös oder mit einer vermeintlichen „Staatsräson“ begründet – vorbei ist.

 

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