Die Juden sind selber schuld?

 

Ein anderer Vorwurf besagt ich würde behaupten, die Juden seien selbst schuld an dem, was ihnen im Rahmen antisemitischer Verfolgungen angetan wurde – auch das ein Vorwurf diverser Schmuddel-Journalisten – und mein ehemaliger Fraktionskollege Daniel Rottmann toppt das noch: Ich würde behaupten, die Juden seien selbst schuld an dem, was ihnen zwischen 1933 und 1945 zugefügt worden sei.

Wie man Zitate manipulieren kann, um einen verleumderischen Vorwurf zu konstruieren, wird deutlich, wenn man den Originaltext (aus Band III meiner Trilogie, Seite 567 f.) nachliest:

 

Was ist Antisemitismus ?

Gerlinde Wolf:

Sie meinen, der Geist, der im Stetl gegen die christliche Umwelt gezüchtet worden sei, habe sich auch nach Auflösung der Ghettos im Individualverhalten eines Teils der Juden manifestiert und in den betreffenden Gesellschaften dann antisemitische Ressentiments ausgelöst ?

W.G. Meister:

Das ist die eine Grundfrage: Ist der Antisemitismus nur ein subjektiv-psychologisches Phänomen, wie es die Frankfurter Schule und in ihrem Gefolge all die sogenannten Antisemitismus-Forscher sehen: ein „Symptom“, das sich durch seine „relative Unabhängigkeit vom Objekt“ auszeichne ? [S.102] Oder gibt es doch ein objektives Substrat für diese Ressentiments, hat der ebenfalls von Slezkine zitierte L. Deutsch recht, der glaubt, die Juden hätten „genügend Gründe für die ihnen entgegengebrachte Feindseligkeit“ geliefert ? [S.148]

Die andere Kernfrage ist: Wie geht man mit dem Kollektivsingular „die Juden“ um ? Wir haben ja gehört, daß hier nicht nur bei Nichtjuden Pauschalcharakterisierungen über die Juden, sondern auch bei Juden solche über die Deutschen, die Russen und die Christen insgesamt üblich und verbreitet waren.

Was also ist Antisemitismus ?

 

Wenn ich sagte: „Die Juden sind eine verschwörerische Bande“, dann wäre das sicherlich eine antisemitische Beleidigung.

Wenn ich aber sage, es gab und gibt immer wieder viele Juden, die sich den Gesellschaften gegenüber, in denen sie leben, verschwörerisch verhalten und heute zum Beispiel als Hilfsspitzel des Mossad arbeiten“, dann ist das keine Beleidigung, sondern eine traurige Wahrheit.

 
Auf der anderen Seite wäre es sicherlich eine antideutsche Beleidigung, zu sagen: „Die Deutschen sind ein kadaverloyaler Haufen, der auf Befehl bereit ist, jedes Verbrechen zu begehen“.

Wenn ich dagegen sage: Kadaverloyalität, zum Beispiel heute gegenüber Israel, ist ein Problem der deutschen Seele und hat nicht nur im III. Reich zu schlimmen Verbrechen geführt“ — so ist auch das eine traurige, aber deswegen nicht unrichtige Wahrheit.

 

Sicherlich muß man nicht jedes Mal, wenn man von Kollektiven spricht, erklären, daß man nicht pauschal alle meint, sondern nur einen gewissen, aber eben nicht untypischen Teil des Kollektivs. Auch kann das Urteil nicht immer ausgewogen in dem Sinn sein, daß man, wenn man von schlechten Eigenschaften spricht, immer auch die guten gleich mit aufführt und beteuert, daß es solche auch gebe. Was man freilich vermeiden sollte, sind Charakterisierungen, bei denen permanent die Negativseite des einen Kollektivs der Positivseite des anderen Kollektivs gegenübergestellt wird. Das wäre im einen Fall Judenfeindlichkeit, also Antisemitismus, im anderen Deutschen- bzw. Russen- bzw. Christenfeindlichkeit.